Es ist ein heißer Julitag. Von überall her strömen Menschen zum Krematorium beim 2. Tor des Zentralfriedhofes zur Verabschiedung Troopys. Viele Menschen haben ihn eine zeitlang in zahlreichen sozialen Kämpfen begleitet, an denen er beteiligt war, nicht selten selbst initiiert hat. Sehr viele Gewerkschafter*innen geben ihm das letzte Geleit und natürlich sind die Mitstreiter*innen aus der KIV fast vollzählig da. Auch der langjährige Weggefährte und Freund Franz ist aus Villach angereist. Der Raum, in welcher die Zeremonie stattfindet, ist gesteckt voll, die Reden erinnern an das vielfältige Wirken des Verstorbenen. Die meisten sind sehr mitgenommen. Obwohl wir alle von Troopys schwerer Krankheit gewusst hatten, war es doch ein Schock, als wir erfuhren, dass er tot ist. Mit ihm war eine Ära zu Ende gegangen. Wie sehr, das wussten wir damals noch nicht, ahnten es aber teilweise schon. Nach der Verabschiedung und als der Sarg bereits dem Feuer übergeben worden war, stelle ich mir vor, wie die Witwe zu Franz sagt:

  1. dass du es nur weißt: ich bin jetzt deine Vorgesetzte.

  2. Als solche sage ich dir, dass du gefälligst an dem Projekt Homepage teilnehmen wirst

  3. und das tust, was dir die Projektleiterin sagt!

  4. Außerdem musst du mehr hackeln!

  5. Denn die Funktionäre arbeiten für dein Einkommen und wenn sie merken, dass du nicht mit vollem Einsatz dabei bist, das hält die Organisation nicht aus!

Diese Szene tut sich vor meinen Augen auf, wenn ich die Aussagen der schon mehrfach genannten Multivorsitzenden im Arbeitsgerichtsprozess lese (siehe weiter unten). Ein Gespräch, das es laut Franz nie gegeben hat. Ein Gespräch sozusagen wie Schrödingers Katze. Es hat weder stattgefunden noch nicht nicht.

Dass eine Witwe so kurz nach der Verbrennung ihres Mannes einem langjährigen Mitarbeiter und Freund gegenüber betonen zu müssen glaubt, dass nun sie die Leitungsfunktion übernommen habe, mutet allerdings seltsam an. Denn zu diesem Zeitpunkt war sie schon längere Zeit die Vorsitzende des Vereins KIV, war stellvertretende Vorsitzende der IGA, sie war es auch, die bereits während der Krankheit ihres Mannes deren Geschäfte leitete und unbestritten ab nun erst recht legitimiert war es zu tun. Auch hatte sie schon geraume Zeit die Agenden des KIV-Büros über und dessen Sitzungen geleitet. Jedem und jeder in der KIV war klar, dass sie das Erbe ihres Mannes übernommen hatte. Und selbstverständlich auch Franz. Ihm gegenüber also ihre Führungsfunktion zu betonen, die von ihm nie in Frage gestellt war, erscheint mehr als überflüssig. Doch es machte Sinn. Hintennach.

Auch der zweite Punkt, die Beteiligung an der Homepage, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Zu jenem Zeitpunkt mangelte es allerdings an der Feststellung der Rahmenbedingungen, an Übereinkunft, was genau zu geschehen habe, kurz, es gab keinen Plan, weder von der durch die Vorsitzende beauftragten Projektleiterin noch von der Vorsitzenden selbst. Es gab nur eine Terminfixierung für Herbst mit einem Marketingexperten für Websites. Aber auch dieser war, wie sich später herausstellte, über den Stand der Zielvorstellungen und Vereinbarungen nicht ausreichend informiert worden. Für Franz wären inhaltliche und organisatorische Vorgaben für die nächsten zwei Monaten das Gegebene gewesen. Diese erhielt er aber nicht. Als er kurze Zeit nach diesem Schrödinger-Gespräch selbst mit dem Marketingexperten Kontakt aufnehmen wollte, untersagte ihm dies die Projektleiterin, weil alles, alles über sie laufen würde.

Die Behauptung schließlich, dass die Funktionäre für das Einkommen für Franz tätig seien, ist schlicht unzutreffend. Daraus einen Bogen zu einem angeblich zu geringen Arbeitseinsatz von Franz zu schlagen und zu folgern, dass dadurch die KIV als Organisation gefährdet sei, erscheint auf den ersten Blick als unsinnig. Wenn das Gespräch so stattgefunden hätte. Doch tatsächlich wissen wir davon nur durch das Protokoll der Aussage der Vorsitzenden vor Gericht und da erhält alles seinen Sinn. Nämlich dem Gericht zu vermitteln, dass bereits damals im Hochsommer Pflöcke eingeschlagen wurden, nach denen sich Franz orientieren hätte sollen. Und seine Verhaltensweisen danach sich als pflöckewidrig zeigten, sodass die Rutsche zu seiner Kündigung steiler zu werden begann.

Protokoll-Zitat Protokoll-Zitat
ASG-Protokoll, Seite 9–10

Wir wollen der Witwe hinsichtlich ihres von ihr behaupteten Verhaltens zugute halten, dass sie angesichts der starken Belastung, der sie damals ausgesetzt war, vielleicht das eine oder andere sagen hätte wollen, die Erinnerung aber stärker war als das Erinnerte real.

Robert Michels OligarchieWenn sich nun jemand darob verwundert, mit welcher Selbstverständlichkeit eine gewerkschaftliche Funktion vererbt wird und sozusagen in der Familie bleibt, dann ist die Verwunderung nicht verwunderlich. Es war eine Eigenart der KIV mit einer derart starken Führungskraft, wie Troopy es war, dass er trotz schwerer Krankheit und dadurch bedingter Absenz bei den Sitzungen dennoch seinen Einfluss ausüben konnte durch das Briefing seiner Partnerin. Wir anderen wussten dies natürlich und akzeptierten es. Einfach, weil es zumeist gute Interventionen waren. Dass damit die Position seiner Partnerin mit den Jahren sich verstärkte, war sozusagen der Kollateralschaden. Wobei es ungerecht wäre, von Schaden zu sprechen. Denn sie zeigte großes Talent in Verhandlungen mit den anderen Fraktionen, hatte ein erhebliches Geschick in der Durchorganisierung von Meetings, so dass das geschah, was sie als Resultat angestrebt hatte. Und sie zeigte großen Einsatz. Das heißt, es war durchaus ok, dass sie Führungsfunktionen übernahm. Allerdings alle nur möglichen Funktionen in einer Person zu vereinen, das scheint den von ihr apostrophierten Zusammenhalt der Organisation zwar auf eine sozusagen biologische Basis zu stellen, dürfte aber die Gefahr von Fehlentwicklungen massiv steigern.

Dazu ist es nützlich, ein über 100 Jahre altes Buch zu studieren. Oder eine der vielen neueren Studien über die Tendenzen zur Oligarchisierung in politischen Gruppen und Parteien. Die KIV dürfte auch nicht ganz frei von nepotistischen Neigungen sein. Eine Büro-Angestellte etwa ist die Nichte eines früheren langjährigen Büro-Mitarbeiters und der Sohn der Vorsitzenden arbeitet seit einiger Zeit als teilzeit beschäftigter Angestellter der KIV. Vermutlich auf Basis eines Teils der frei gewordenen Stunden von Franz. Aber auch die Produktion von persönlichen Abhängigkeiten dürfte eine Rolle spielen. So ist nach der Kündigung der früheren Politischen Sekretärin – ja, Franz ist nicht der erste Gekündigte in der KIV-Geschichte – von der Vorsitzenden dem KIV-Büro flugs eine Angestellte eines Supermarktes als Nachfolgerin erfolgreich ans Herz gelegt worden. Das Manko fehlender politisch/gewerkschaftlicher Praxis wurde dadurch ausgeglichen, dass die neue Angestellte genau weiß, wem sie diesen Job verdankt. Wie auch die freigestellten Personalvertreter*innen wissen, dass die Fortsetzung ihrer Freistellung nach der nächsten Wahl erheblich von der Unterstützung der Vorsitzenden abhängt. Also hängen tun im KIV-Büro offenbar alle irgendwie und zusammen hängen sie gemeinsam durch den oben erwähnten biologischen Mehrfachfunktions- und Führungszusammenhalt der KIV. Da passen Menschen, die sich in keinem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis befinden, einfach nicht dazu.