Weil es in den meisten Abteilungen keine Gegenkandidaturen gab. Allen zaghaften Versuche einer solchen wurde rasch und mit Bestimmtheit gezeigt, wo der Bartl den Most her holt. Nämlich sehr genau skizziert, welche beruflichen Konsequenzen es für Leute hätte, sich gegen den Dienstgeber zu stellen. Denn Dienstgeber und Gewerkschaft waren eins. Das verbindende Glied war die Partei. Mit der Partei konnte entweder eine berufliche Karriere gemacht werden oder eine gewerkschaftliche. Nicht selten erfolgte aus der gewerkschaftlichen auch eine Übernahme in eine berufliche Karriere. Sozusagen der zweite Bildungsweg des Magistrats. Allem lag natürlich eine prinzipielle Interessenseinheit von Magistrat, Partei, Gewerkschaft zugrunde. Was für die Partei gut ist, ist für den Magistrat gut, ist für die Gewerkschaft gut, ist für die Stadt gut. Kritiker waren in diesem Wohlfühlambiente naturgemäß eher von einem anderen Stern.

Mitte der 70er Jahre hatten es aber einige Verwegene in einem Krankenhaus doch gewagt, eine eigene Gewerkschaftsliste zu bilden. Nach kurzer Zeit waren sie nicht mehr im Krankenhaus und die meisten Unterstützungsunterschriften geleistet Habenden waren mit Gründen dazu bewogen worden, ihre Unterschriften wieder zurückzuziehen. Dann war ein paar Jahre Ruhe.

Doch 1978 flackerte es bei den Sozialarbeiter*innen auf. Diese hatten eine zeitgemäßere und dem Demokratieanspruch der Kreiskyjahre adäquatere Berufsausbildung hinter sich, und auch 1968 und die wilden 70er erlebt. Zumeist schon einige Lebens- und Berufserfahrung und: keine Angst. Auch waren damals angesichts der steigenden Anzahl sozialarbeiterischer Interventionen in der Stadt angesichts etlicher Reformen Sozialarbeiter*innen sehr gefragt. Einfach raushauen ging da nicht mehr so.

In irgendeiner nächtlichen Diskussion wählten sich die Kandidierenden den wohl sperrigsten Namen, den es für eine Wahlliste gab: Namensliste für Konsequente Interessenvertretung. Das sollte sich noch rächen. Denn als es zur Wahl ging, stand zwar die FSG auf dem Wahlzettel, sonst aber nichts. Wer die oppositionelle Namensliste wählen wollte, musste den ganzen langen Namen hinschreiben.

Es gab damals viele ungültige Stimmen. Doch es gelang 1 Mandat. Es folgten vier Jahre harter Schulung im Dienststellenausschuss und die Erkenntnis, dass Entscheidungen nicht hier gefällt wurden, sondern woanders und der Ausschuss nur exektutierte, was irgend wer anderer irgendwo anders beschlossen hatte. So war das damals.

Dann waren die vier Jahre vorbei und die nächste Wahl stand an.

Würde diese „Eintagsfliege“ NKI (so lautete damals ihr Kürzel), wie sie der damalige Vorsitzende der Gemeindebedienstetengewerkschaft, Rudolf Pöder nannte, es ein zweites Mal wagen und wieder antreten?

Es traten diesmal, 1982 nicht nur eine, sondern gleich neun Namenslisten an, die sich alle zur „Namensliste für Konsequente Interessenvertretung“ bekannten. Und alle erreichten Mandate.

Auch die Büchereien. Dort hatte es schon in den 70ern und um 80 herum einen aufmüpfigen „Club der Bibliothekare“ gegeben, es entstand ein österreichweiter Zusammenschluss linker Bibliothekar*innen, den „Kritischen Bibliothekarinnen und Biblothekare“ (Kribibi), der beim Renner-Institut angesiedelt und als sozialdemokratische Pressure-Group gedacht war, wo aber im Club der Bibliothekare und der NKI aktive bzw. nahe Stehende sich stark einbrachten.

Auch hier gab es vier Lernjahre für den dann gewählten Mandatar der NKI in den Büchereien und seine Ersatzvertreterin im Ausschuss, aber auch dazwischen. Viele Inititiativen wurden gesetzt, Petitionen aufgesetzt, Anträge gemacht. In Versammlungen zurückgeredet und geschrien. Die altgedienten FSG-Mandatare waren irritiert und reagierten gereizt und gereizter. Was sie nicht beliebter machte und die Namenslistler aufwertete. In den Namenslisten-Fraktionssitzungen in verrauchten Hinterzimmern von Wirtshäusern – von einem Vereins-Lokal war damals noch lange keine Rede – tobten heftige Diskussionen um das richtige Vorgehen, um richtige Verhaltensweisen im Ausschuss und um die Formulierung der Flublätter. Fundis, Realos, Irrealos agierten in tornadischer Gruppendynamik und irgendwie ist es ein Wunder, dass wir damals nicht auseinanderbrachen.

Ich war 1982, nach der ersten Wahl, dazu gestoßen, im Herbst zuvor war meine Tochter zur Welt gekommen und ich hatte mich naheliegender Umstände halber aus dieser Welt zurückgezogen gehabt, soweit es ging. Jedenfalls für ungefähr ein Jahr. Dann machte ich natürlich mit. Hatte gerade meine dogmatische Vergangenheit in einer inzwischen zugrunde gegangenen politischen Gruppierung abgestreift, eine hohe Affinität zu der sich damals ganz, ganz langsam entwickelnden grünen Bewegung, ohne dass mich die Diskussionen in der Bezirksgruppe, zu der ich eine Weile hinging, glücklich gemacht hätten und sah es hoch an der Zeit, dass sich im Magistrat was ändert. 1986 kandidierte ich dann ebenfalls bei der NKI.