Bei den Wahlen 1986 kandidierte auch ich. Statt einem Mandat gab es nun zwei. Ich hatte ein Ersatzmandat, weshalb ich zwar nicht stimmberechtigt war, aber in den Ausschusssitzungen dabei sein konnte.

Um jene Zeit bezogen die Namenslistler aller Abteilungen endlich ein Lokal – wir mieteten uns in den ehemaligen Club Links der FÖJ ein. Dieses ist noch heute der Versammlungsraum der KIV.

Zur „KIV“ wurden wir, als im Zuge des Personalvertretungsgesetzes, das nun doch auch in der Gemeinde Wien Einzug fand, Abkürzungen für die Fraktionen festgelegt wurden und wir endlich das ungeliebte NKI zugunsten des KIV ablegen konnten. Trotz der Bedenken von einigen unter uns, die meinten, dass eine ernsthafte politische Fraktion nicht an ein Rauschmittel erinnern möge. Die anderen meinten, aber ja doch, es möge. Ach, waren wir damals jung und rebellisch ;-)

Bei der Wahl 1986 waren es noch mehr Dienststellen, an denen Menschen kandidierten, die sich zur KIV bekannten. Diesmal stieß gleich eine ganze Hauptgruppe, jene der Krankenanstalten zu uns. Unter anderem das Psychiatrische Krankenhaus Am Steinhof. In den meisten Abteilungen waren wir erfolgreich, konnten bei Erstkandidaturen Mandate erreichen und bei wiederholten Kandidaturen die Mandatszahl erhöhen. Bei Erstkandidaturen gab es zumeist Einschüchterungsversuche durch FSG und durch den Dienstgeber. War aber bereit ein Mandat errungen, dann hörte das auf.

Infolge des Personalvertretungsgesetzes standen uns aufgrund der Mandatszahl auch Freistellungen zu, also Personalvertreter*innen, welche nicht die volle Dienstzeit arbeiten mussten, sondern entsprechend der Freistellungs-Stunden weniger. Die Freistellungen wurden in der KIV so verteilt, dass die Freigestellten sowohl für ihre jeweilige Abteilung tätig sein konnten, aber auch für die Gesamt-KIV. Letzteres war dringend notwendig, weil es nun viel zu koordinieren, viel zu schulen und eine ganze Büroinfrastruktur herzustellen war. Einer der 1/2 Freigestellten also 20 Stunden Arbeit und 20 Stunden Tätigkeit für Personalvertretung, Gewerkschaft und KIV-Koordination war ab 1988 Franz. Von ihm wird hier noch öfters die Rede sein. Franz war ausgebildeter Schriftsetzer, machte dann eine Diplompflegeausbildung und arbeitete im Psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof. Hier hatte es fünf Kandidat*innen für die KIV gegeben, welche 2 Mandate erreichten.

Seine halbe Dienstzeit arbeitete Franz nun im KIV-Büro . Neben den vielen anderen Angelegenheiten kümmerte er sich mehr und mehr um die Aussendungen der verschiedenen Dienststellen. Das heißt er übernahm Texte der jeweiligen Personalvertreter*innen und formte daraus Flugblätter oder auch Betriebszeitungen. In die KIV hatte nämlich das Desktop-Publishing Einzug gehalten. Schluss war mit dem Zusammenkleben von Text- und Bildschnipseln und das Titel abrubbeln mit Letraset, nein, wir setzten auf Computer und entsprechende Software. Der Beginn war Ventura Publisher auf GEM. Außer Troopy, dem Gründer der KIV, der vor der Sozialarbeit im Zeitungsgewerbe war, konnte nur Franz mit diesem Programm umgehen. Zu bestimmten Zeiten war das Layoutieren für beide ein Fulltime-Job, da die frischgebackenen KIV-Personalvertreter*innen in der Regel sehr mitteilungsfreudig waren und einen hohen Anspruch an die Transparenz in der Personalvertretungsarbeit hatten. Daher gab es zahlreiche Ausschussprotokolle, Aufrufe zu Aktionen, Darstellung der Situation in der Abteilung, Abteilungszeitungen wurden gegründet. Es tat sich viel. Die halbe Freistellung reichte dafür natürlich nicht, der Rest war selbstverständliches Engagement, in dem die Stunden nicht gezählt wurden.

Es war eine Aufbruchstimmung damals. Und es war schön. Die FSG-Personalvertreter*innen rotierten oft angesichts unserer unorthodoxen Herangehensweisen und an das basisdemokratische Einbeziehen der Kolleg*innen für Angelegenheiten, die sonst hinter verschlossenen Türen abgehandelt wurden. Die Dienstgeberseite war höchst irritiert, dass es nicht mehr genügte, die Probeme von Parteigenossen zu Parteigenossen zu lösen, sondern parteilose Frechdachse unangenehme Fragen und noch unangenehmere Forderungen stellten.

Auch in der ein halbes Jahr nach der Wahl erfolgenden Landesversammlung der Gewerkschaft kam einiges in Bewegung. Diese neue Gruppierung schickte nicht nur einen oder zwei Redner*innen an das Rednerpult, wie es die anderen kleinen Fraktionen bislang getan hatten. Nein, bei denen glaubten alle, sogar die Gastdelegierten, dass sie was zu sagen hatten. Und was sie sagten, war oft unglaublich frech.

Auch stellten sie eine Unmenge Anträge. Oft provokante. Weil stillschweigendes Einvernehmen zwischen Dienstgeber und Gewerkschafter störend.

Auch glaubten sie, in die Gemeinde Wien den Feminismus einschleusen zu können mit allerlei Gleichberechtigungsanträgen. Und immer wieder Forderungen nach mehr Demokratie! Aber nicht nur nach mehr Demokratie so im Allgemeinen, nein es musste schon eine solche der Basis sein, so wie die Grünen. Wie diese gebärdeten sie sich auch als Ökofritze, die die Natur auf unsere Kosten schützen zu müssen glauben. Das ist das selbe Nest, aus dem die Atomkraftwerkverhinderer gekrochen sind und die Besetzer des Gestrüpps in der Hainburger Au.

Gegen solch einen Ansturm der Anarchie im Gemeindedienst wussten sich die braven Gewerkschafter und die noch braveren Gewerkschafterinnen der FSG sich nur zu wehren, indem sie alle Anträge dieses Haufens auf Empfehlung der Antragsprüfungskommission geschlossen ablehnten. Das Prozedere war dabei putzig: Bei der Abstimmung nannte der Vorsitzende der Antragsprüfungskommission den Antrag und die Abstimmungsempfehlung. War die Empfehlung eine negative wie bei unseren Anträgen, dann mussten die FSGler mit Ja stimmen, nämlich der Empfehlung folgend. Umgekehrt mussten wir KIVler*innen bei unseren Anträgen mit Nein stimmen, nämlich gegen die Empfehlung der Antragsprüfungskommission unseren Antrag abzulehnen. Eine doppelte Verneinung also. Ich glaube, das ist heute noch so.

Da wir vom uniformen Stimmverhalten der FSG-Delegierten und -Delegiertinnen wussten, wollten wir dies auch in der Landeskonferenz thematisieren und stellten einen Antrag auf Abstimmungsmaschinchen für FSG-Delegierte, damit sie der beschwerlichen Prozedur via Antragsprüfungskommission enthoben seien. Wir machten uns damit keine Freunde.

Es folgten Jahre intensiver Personalvertretungsarbeit, vieler Kämpfe und mancher Erfolge. Wir lernten aus der Praxis und weil wir uns tief und tiefer in die Materie versetzten, was hieß Dienstrecht und Personalvertretungsrecht und die entsprechende Geschäftsordnung. Unser Einsatz wurde in den meisten Abteilungen bei der nächsten Wahl 1990 auch belohnt.

Bei den Büchereien erreichten wir 1990 drei Mandate und drei Ersatzmandate. Diesmal und bis zu meiner Pension 2010 hatte ich nun hinter der Listenführerin ein Vollmandat. Mit diesem wurde ich in den Hauptgruppenauschuss delegiert, eine neue Erfahrung. Und die Erkenntnis, dass auch dort noch nicht die Entscheidungen fallen, die für unsere PV-Arbeit wesentlich sind.

Wenn ich geschrieben habe, dass wir in den Büchereien kandidierten – das stimmte so nicht ganz: Unser Ausschuss bestand und besteht aus einem Konglomerat vieler verschiedener Dienststellen unterschiedlicher Größen, die miteinander nichts zu tun haben. Anfangs kandidierten nur Kolleg*innen aus den Büchereien, in den anderen Dienststellen waren wir nicht vorhanden. Klarerweise wählten die Kolleg*innen dann dort die FSG, wo es nur sichtbare FSG-Kandidat*innen gab. Das heißt, wir Kandidat*innen der Büchereien wurden in der Regel nur von den Büchereibediensteten gewählt, mussten also an unserer Dienststelle einen ungleich höheren Prozentsatz für 1 Mandat erreichen, als wenn die Büchereien ein eigener Wahlkörper gewesen wären.

Umgekehrt erlebten wir im Ausschuss auch die Probleme der anderen Dienststellen mit und sonst einiges Nützliche.